Familie Ball

 

Abraham Ball geborener Kunke wird am 16.12.1880 in Kolomea in Galizien geboren. Er besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft.
Im Jahre 1905 heiratet er am 16. August in Leipzig Gisela Tepper. und nimmt den Namen seines Vaters an.
Gemeinsam haben sie drei Töchter und drei Söhne. Am 25.11.1905 zieht er nach Braunschweig. Zuerst lebt er mit seiner Familie in der Kaiserstraße 35 und wohnt seit 1912 im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses am Wendenring 38.

Abraham ist gelernter Kaufmann und gründet mehrere Firmen.
Eine seiner ersten Firmen ist ein Manufakturwarenhandel mit Weiß – und Wollwaren in der Münzstraße 9 im Einhornhaus; diese Firma gründet er am 09.01.1915.

Am 15.02.1915 zieht er in den Ersten Weltkrieg und kann sich somit nicht mehr um den Betrieb kümmern. Vermutlich hat er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, weil er als Österreicher nicht dazu verpflichtet ist, für Deutschland als Soldat zu kämpfen.

Eine weitere Firma ist die „Texta“-Handelsgesellschaft, die er mit seinem Schwager am 30. September 1927 in der Auguststraße 12-13 gründet. Er verkauft dort Frauen- und Herrengarderobe, Manufaktur- und Schuhwaren.
Abraham Ball besitzt noch in der Zeit von 1932-1934 das „Kaufhaus Kleimann“ in der Poststraße 12/13. Dort werden Kurz-, Weiß-, Wollmanufaktur- und Modewaren, Tapisserie (Bildwirkerei), Wäsche, Baumwollwaren, Besätze, Puppen und Spielwaren verkauft.

1933 beginnen die Boykottwachen vor seinem Geschäft.
Am 05. Juni 1934 erhält er einen Brief, in dem seine Einbürgerung in Braunschweig widerrufen wir.
Nach diesem Schreiben kann er sich nicht mehr als „Deutscher“ bezeichnen.
Er und seine Frau und Kinder sind nun staatenlos und können jederzeit ausgewiesen werden.

Während der Reichspogromnacht vom 9. zum 10.11.1938 werden die Wohnungen und Geschäfte von Juden verwüstet.
(Dies betrifft auch die Wohnung und das Geschäft von Abraham Ball, was seine Enkeltöchter Gilah und Jacqui in einer Nachricht bestätigen.)

Am 9.11.1938 wird Abraham verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert.
Abraham bekommt die Häftlingsnummer 24069. Nach etwa zwei Wochen kann er das KZ Buchenwald wieder verlassen.

Während Abrahams KZ-Haft wird ein Verwalter eingesetzt, der die Texta-Handelsgesellschaft liquidiert. Abraham muss 8200 Mark Judenvermögenssteuer zahlen,
die „Sühneleistung“ nach der Progromnacht , die anteiliig nach dem Vermögen der betroffenen Juden berechnet wird. Außerdem muss er, um Deutschland verlassen zu dürfen, 2000 RM an die Deutsche Golddiskontbank zahlen.

Zurück in Braunschweig, gehen die Schicksalsschläge weiter. Nicht nur, dass er sein Geld und sein Geschäft verloren hat, am 03.05.1939 stirbt seine Frau und nur einen Monat später bekommt er den Brief vom Polizeipräsidenten Braunschweigs, dass er und seine minderjährigen Kinder bis 20.08.1939 Deutschland verlassen sollen. Es wird ihnen „gedroht“, dass sie, wenn sie nicht freiwillig das Gebiet verlassen, abgeschoben werden würden.

Er bekommt ein Visum für England von seinem Sohn Benno Ball, der zu dem Zeitpunkt bereits nach England emigriert ist.

Gemeinsam mit seiner Tochter Elfriede flüchtet er im Sommer 1939 nach England, dort leben sie ungefähr 9 Jahre. Danach zieht er nach Tel-Aviv, Israel, wo er gemeinsam mit seiner Tochter Charlotte im selben Haus lebt.

Gilah, schreibt über ihren Großvater Abraham Ball: „Mein Großvater war eine sehr fleißige und effiziente Person. Er fand immer einen Weg, um für seine Familie zu sorgen, wo immer er war.“

1950 stellt Abraham Ball von Tel Aviv aus einen Wiedergutmachungsantrag in Deutschland, der am 18.3.1952 vom Wiedergutmachungsamt bei dem Landgericht Braunschweig mit der Begründung abgelehnt wird, Ball hätte nämlich nicht die nötigen Beweise vorgelegt.

Er stirbt im hohen Alter von 89 Jahren im Jahre 1969.

Gisela Ball

Gisela/ Gittel Ball geborene Tepper, Tochter von Ephraim Tepper, wird am 01.08.1880 in Kolomea in Galizien geboren. Auch sie besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft.
Sie ist die Frau von Abraham Ball und Mutter von sechs Kindern.

Sie ist in der Firma ihres Mannes als Prokuristin tätig.

In einem Brief des Arztes Dr. med. G. Salomon lassen sich Informationen über ihren schlechten Gesundheitszustand ablesen. Sie ist bereits bettlägerig, als sie 1939 nach Palästina auswandern will.

Am 03.05.1939 stirbt sie in Braunschweig.

 

Die Söhne:   Ignaz, David und Benno

Ignaz Ball
Ignaz Ball wird am 06.04.1910 geboren.

Er besucht zunächst die Bürgerschule Pestalozzistraße. Ostern 1920 wird er in der Städtischen Herzog-Johann-Albrecht-Oberrealschule Hintern Brüdern angemeldet, dem heutigen Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasium. Er besucht den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig. 1929 besteht er sein Abitur.

Nach dem Abitur beginnt er ein Medizinstudium. Er studiert in Berlin, Bonn und Wien.
Leider wird ihm die Beendigung des Studiums unmöglich gemacht. Deshalb geht er 1933 nach Italien und wird dort Weber.
1934 emigriert er nach Palästina, dem heutigen Israel. Dort heiratet er Esther und bekommt mit ihr einen Sohn.

Er arbeitet in Tel Aviv in der Weberei Delfiner.
Im April 1996 stirbt Ignaz Ball im Alter von 86 Jahren in Tel Aviv.

David Ball
David Ball wird am 14.10.1912 geboren.
Er besucht ebenfalls zunächst vier Jahre die Bürgerschule Pestalozzistraße. Ostern 1923 wechselt er auf die Städtische Herzog-Johann-Albrecht-Oberrealschule Hintern Brüdern.
1929 verläßt er die Schule. Er wird einen kaufmännischen Beruf erlernen.
In Breslau, 1935/36, das Schreinerhandwerk.
1937 kehrt er für kurze Zeit wieder nach Braunschweig zurück. und emigriert nach Palästina, wie sein Bruder Ignaz. Hier ist er zuerst in der Landwirtschaft und dann als Verkäufer tätig. Seine Nichte Jacqui teilte mit, dass er in Israel später als Innenarchitekt arbeitet, er ist spezialisiert auf Textilien, vor allem Gardinen.

David bleibt ledig. Er besucht auch nach der Zeit des Nationalsozialismus einige Freunde in Braunschweig. Bis zu seinem Tod 1999 wohnt er in Tel Aviv.
Er stirbt im Alter von 87 Jahren an Krebs.

Benno Ball
Benno Ball wird am 01.01.1915 geboren.
Er besucht wie seine älteren Brüder zunächst die Bürgerschule Pestalozzistraße. Ostern 1925 wird er in der Städtischen Herzog-Johann-Albrecht-Oberrealschule Hintern Brüdern aufgenommen, die er jedoch bald wieder verläßt.
Nach dem Abschluss der Volksschule lernt er bei Karstadt den Beruf des Kaufmanns. Am 1.4.1933 wird er entlassen.. Die Karstadt AG z. B. entließ zum 1. April 1933 sämtliche jüdischen Angestellten fristlos, weil sie ‚keine vollwertigen und gleichberechtigten Staatsbürger’ seien und daher auch ‚keine vollwertigen Mitarbeiter’ mehr sein könnten.“

Danach erlernt Benno in einem jüdischen Ausbildungslager in Düsseldorf den Beruf des Elektromechanikers.
Bevor er nach Palästina zu seinen Brüdern Ignaz und David emigrieren kann, wird er während der Pogromnacht verhaftet und bis zum 9. Februar 1939 im KZ Buchenwald interniert.
Da Bennos Cousin ihm ein Visum für London besorgt, wird er nach drei Monaten wieder aus dem KZ entlassen.
Am 8. März 1939 geht er nach England, wo er zu Beginn des Krieges als feindlicher Ausländer gilt und in ein Internierungslager eingewiesen wird.
Von 1940 bis 1946 dient er anschließend in der englischen Armee im Einsatz gegen Deutschland..

In London heiratet er Fanni Selma Ball geb. Rosenstrauch, mit der er zwei Kinder hat, Gaynor-David (geboren am 01.01.1944) und Jaqueline-Anne (geboren am 26.02.1952), welche für die Recherche wichtige Informationen bereitstellte.
Benno fährt – ebenso wie sein Bruder David – nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig nach Deutschland, um ehemalige Freunde aufzusuchen. Seine besten Freunde seien nichtjüdisch gewesen.

Während seiner Aufenthalte in Braunschweig besucht er das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof an der Helmstedter Straße. Er lässt auch den Grabstein von Gittel Ball instand setzen.

Am 01.04.1994 stirbt er im Alter von 79 Jahren in London an Krebs.

 

Die Töchter: Anna, Charlotte und Elfriede

Anna Ball
Anna Ball wird am 04.10.1906 in Braunschweig geboren. Sie ist das erste von sechs Kindern.

Gilah, Annas Tochter, teilt per E-Mail mit, dass sie zwar keine schriftlichen Unterlagen über den Lebensweg ihrer Mutter gefunden hat, aber aus ihrer Erinnerung etwas zu Annas Biographie beisteuern könne.

Sie sei 10 Jahre zur Schule gegangen. Danach besucht sie für zwei Jahre die Höhere Handelsschule. Anschließend – seit etwa 1924 – ist sie in der Firma ihres Vaters, der Texta-Handelsgesellschaft, als Kontoristin tätig.

Anna verlässt im April 1933 im Alter von 26 Jahren Deutschland, weil sie Angst davor hat, was passieren könnte. Dies sei besonders bemerkenswert, weil ein Teil ihrer Familie nicht so denkt wie sie.

Anna emigriert nach Palästina. Auf dem Schiff nach Israel lernt Anna ihren Mann kennen, den sie 1939 heiratet. Sie heißt von nun an Anna Thau.
Gilah wird 1941 geboren, sie ist Annas einziges Kind. In Tel Aviv arbeitet Anna als Korrespondentin in einem Dentallabor.

Die Tochter von Anna, Gilah, betont, dass die Schwestern und Brüder der Familie Ball eine sehr enge Beziehung zueinander haben und eine große Nähe zu ihrem Vater.

Anna stirbt am 2. Januar 1980 in Tel Aviv an Krebs.

Charlotte Ball
Charlotte Ball wird am 01.12.1907 in Braunschweig geboren.
Aus einer Stammtafel zur Familiengeschichte von Charlotte Ball geht hervor, dass sie keinen Beruf erlernt hat. Sie wird als Hausfrau bezeichnet.
Am 5. Juli 1929 heiratet sie im Alter von 21 Jahren den Kantor und Lehrer Alfred Herz
(geb. 20.05.1900). Die Eheleute wohnen seitdem in der Jüdischen Gemeinde in der Steinstraße 4.
Nach 1932 ziehen sie nach Bocholt in Westfalen. Ihr Sohn Achim, der am 04.07.1930 geboren wird, stirbt bereits im Alter von zwei Jahren (09.04.1933) in Bocholt. Ihr zweiter Sohn wird 1935 (28.10.1935) in Bocholt geboren.

 Jacqui Licht, eine Nichte, teilt mit, dass Alfred mit anderen jüdischen Männern verhaftet und in ein Gefängnis gebracht wird. Später kontaktiert die lokale Polizei Charlotte und sagt ihr, dass sie den Befehl erhalten habe, die Gefängnisinsassen bald in ein Konzentrationslager zu bringen. Sie solle für sich selbst und für Alfred Visa beschaffen, um das Land zu verlassen.. Sie gehen 1939 nach Palästina.

Alfreds Vater, der in einem Altersheim lebt, weigert sich, mit ihnen nach Palästina zu gehen. Die Bewohner des Heims werden später in ein KZ überführt und getötet.

Charlotte lebt mit ihrem Mann und Sohn in Tel Aviv in Palästina.
Alfred Herz arbeitet in Israel als Lagerarbeiter. Er stirbt am 27.06.1960 in Tel Aviv im Alter von 60 Jahren.

Charlotte Herz stirbt im Mai 1995 in Tel Aviv.

Margot Ball
Am 14. August 1911 wird Margot Ball in Braunschweig geboren. Sie lebt jedoch nur sieben Monate und stirbt am 3.3.1912.

Elfriede Ball
Elfriede Ball wird am 05.06.1918 geboren. Tochter Susan schreibt über ihre Mutter: „Wie viele Holocaust-Opfer hat auch Elfriede nicht viel über ihre Kindheit erzählt.” Deshalb ist ihr leider nicht bekannt, welche Schule Elfriede besucht und welchen Schulabschluss sie erworben hat. Ihre Mutter beginnt in Deutschland eine Ausbildung zur Schneiderin, kann diese aber nicht beenden.
Die Tochter weiß außerdem aus den Erzählungen ihrer Mutter, dass die Wohnung der Familie Ball während der Pogromnacht durchwühlt wird.
Elfriede wird jeden Freitag von ihrer Familie zur Gestapo geschickt, um sich nach ihrem Bruder Benno und ihrem Vater zu erkundigen, die sich zu der Zeit in dem KZ Buchenwald befinden. Susan nimmt an, dass Ihre Mutter bei diesen Besuchen von Gestapo-Beamten sexuell belästigt wird.

Im Mai 1939 zieht sie mit ihrem Vater Abraham, nachdem die Mutter gestorben ist, in eine möblierte Wohnung.
Im Sommer desselben Jahres flüchtet sie mit dem Vater nach London. Dort lernt sie ihren Ehemann kennen, den sie 1948 heiratet.
Sie heißt fortan Elfriede Sonnenschein. Kurz danach zieht sie mit ihrem Mann nach New York. Dort kommen ihre Tochter Susan 1951 und ihr Sohn Joseph 1955 zur Welt.

Elfriede und ihr Mann kehren nie wieder zurück nach Deutschland.
Am 26.02.2011 stirbt Elfriede Sonnenschein im Alter von 92 Jahren.
Ihr Grab befindet sich in New Jersey.

(Gekürzter Text. Orginalfassung in der Gedenkstätte Schillstraße , sowie auf der homepage Realschule Maschtraße.)

Recherche: Schüler und Schülerinnen der Realschule Maschstraße, 2014
Verlegung der Steine 2015