Sander

Dr. Paul Sander

Die Familie Sander wohnte von 1928 bis 1939 in Braunschweig am Steintorwall 7.
Dr. Sander und seine Frau hatten zwei Söhne.

Lebensdaten und allgemeine Informationen
Paul Sander ist am 18.07.1887 in Barby geboren. Seine Eltern waren Gustav Sander, Kaufmann, und Rosalie Sander, geborene Frank.

Als Paul 10 Jahre alt war, zog er, vermutlich ohne seine Eltern, zu Bekannten oder Verwandten nach Braunschweig. Hintergrund war eine Erbschaft von seiner Tante Elka Simonsohn, welche 1902 gestorben ist.

Vom Wintersemester 1906/07 bis zum Sommersemester 1908 studierte er in Würzburg Zahnmedi-zin und schloss sein Studium mit seiner Approbation ab. Ab Januar 1914 praktizierte er als Zahnarzt in Braunschweig. 1920/21 führte er seine Studien an der Universität Würzburg fort und promovierte im Jahre 1921.

Am 23.1.1924 meldete er eine Zahnarztpraxis in der Friedrich-Wilhelm-Straße 23 an. Sie war eine der besten in Braunschweig und ausgerüstet mit einem teuren Röntgengerät. Zugleich war Paul Sander stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Braunschweig.

Verfolgung
L
aut Bericht eines Hausbewohners im Haus Steintorwall drang eine Gruppe von Nazi-Schlägern in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in das Haus ein und nahm Paul Sander vor den Au-gen seiner Familie fest. Auf den Wunsch, sich noch zu verabschieden, wurde er verprügelt und erlitt unter anderem eine schwere Kopfverletzung. Paul Sander wurde in das Gefängnis Wolfenbüttel ge-bracht.

Nach einem Tag Haft kam Paul Sander am 11. November mit dem 8. Transport des Tages zusam-men mit 374 anderen Verhafteten aus Braunschweig und Magdeburg in Buchenwald an. Dort hatte man im KZ neben dem Appellplatz einen kleinen Bereich errichtet, um die in der „Reichs-Scher-ben-Woche“ gefangen genommenen jüdischen Männer einzusperren. Es herrschten katastrophale und unmenschliche Bedingungen, auf viel zu kleinem Raum wurden zu viele Leute festgehalten, sodass unter anderem die Cholera ausbrach.

Als eines der ersten Opfer erlag Paul Sander am 15. November seinen schweren Kopfverletzung. Unklar ist, ob dies auf die Verletzungen bei seiner Verhaftung zurückzuführen ist. Auf der Sterbe-urkunde wurde als Todesursache „Gehirnschlag“ angegeben.

Paul Sanders Leichnam wurde im Städtischen Krematorium Weimar verbrannt und die Urne, gegen eine Gebühr, zurück nach Braunschweig zu seiner Frau geschickt.

Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Braunschweig.

 

Rachelle Sander

Lebensdaten und allgemeine Informationen
Rachelle Sander, geborene Merdler, wurde am 26. August 1898 in Galatz, in Rumänien, geboren. Sie erhielt die deutsche Staatsangehörigkeit durch ihre Hochzeit mit Paul Sander. Beide heirateten am 12.10.1923. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Gustav, geboren am 25. No-vember 1924 und Adolf, geboren am 26. August 1928, in Braunschweig, Steintorwall 7.  Als Beruf hat sie „Haushelferin“ angegeben.

Verfolgung
In der Nacht des 9. Novembers 1938 wurde ein anderer Hausbewohner, Herr W. Püttcher, durch laute Geräusche, das Zerbrechen von Fensterscheiben und das Zerschlagen von Mobiliar aufmerk-sam. Daraufhin ging er in das Treppenhaus und fand dort eine Gruppe finster drein sehender Män-ner in braunen Uniformen vor, die miteinander flüsterten.

Frau Sander berichtete, dass die Eindringlinge Paul Sander aus seinem Bett zerrten und ihn mit ei-nem Schlagstock bewusstlos schlugen, nachdem er darum gebeten hatte, sich von seiner Frau ver-abschieden zu dürfen. Während Paul Sander zunächst in das Gefängnis in Wolfenbüttel und später in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurde, wurde Rachelle Sander mit ihren beiden Söhnen, die zu dem Zeitpunkt 14 (Gustav) beziehungsweise 10 (Adolf) Jahre alt waren, in das Hauptquartier der Gestapo gebracht. Währenddessen wurde fast den kompletten Besitz der Familie zerstört: Fenster, Bilder, Spiegel, Geschirr, Vasen, Polstermöbel, Silberbesteck und Teller, Vorhän-ge und Matratzen. Auch ein wertvoller Dürer wurde zerstört.

Paul Sanders Zahnarztpraxis befand sich in der Friedrich-Wilhelm-Straße. Die Einrichtung, welche sehr modern war (unter anderem mit einem Röntgen Gerät ausgestattet), musste Rachelle Sander für gerade einmal 300 Reichsmark verkaufen, ihr Wert belief sich jedoch auf mindestens 10.000 Reichs-mark. Ein bis heute unbekannter Nationalsozialist kaufte die Einrichtung.

Für die Verschiffung des übrig gebliebenen Besitzes der Familie nach England musste sie 1200 Reichsmark Bargeld an die Speditionsfirma „Schenker“ bezahlen. Jedoch kamen die Sachen nie bei Familie Sander an. 1941 befahl die Gestapo, dass die Umzugsgüter der Familie noch in Hamburg versteigert werden sollten.

Rachelle Sander hat keinerlei Entschädigung für ihre zahlreichen Verluste erhalten.

 

Leben in Großbritannien
Am 18. Juni 1947 wandte sich Rachelle Sander in einem Brief wegen einer Rückerstattung ihres verlorenen Eigentums an „Das Zentralamt für Vermögensverwaltung“ in Stadthagen, in welchem sie ihre Verluste beschrieb. Am 22. Dezember des Jahres 1948 unterschrieb sie einen „Antrag auf Rückerstattung von Vermögen“. Offenbar hat Rachelle Sander am 19. April 1950 einen Brief vom Landgericht Braunschweig erhalten, in dem ihr nahe gelegt wurde, ihre Forderung zurückzuziehen, denn am 4. Juni 1950 antwortete sie auf ein nicht auffindbares Schreiben, dass sie gar nicht daran denke, ihren Antrag zurückzuziehen. Daraufhin wurde ihr der Rechtsanwalt H. Weitz als Be-stellungsbevollmächtigter zugeteilt, der sich dann bei ihr meldete. Danach bekam er, wie er dem Landgericht Braunschweig später mitteilte, jedoch keine Rückmeldung mehr von Rachelle Sander.

Am 24. Dezember 1948 wurde sie in England eingebürgert.

Laut Aussage von Hella Guhrauer, einer Freundin der Familie, hat Rachelle Sander sehr schwer unter dem Verlust ihres Mannes gelitten und hatte große Probleme nach der Emigration nach England. Sie habe sich anfangs sehr geplagt und im Haushalt gearbeitet, um sich und ihre Söhne durchzubringen.

Rachel Sander sei eine sehr verbitterte Frau geworden.

 

Gustav Sander

Lebensdaten und allgemeine Informationen
Gustav Sander war der älteste Sohn von Dr. Paul Sander und dessen Frau Rachelle Sander. Geboren wurde Gustav am 25. November 1924 in Braunschweig.

Verfolgung
Am 9. November 1938 wurde er im Zuge der Pogromnacht gemeinsam mit seiner Mutter und sei-nem jüngeren Bruder Adolf unter Zwang in das Gestapo-Hauptquartier gebracht, während sein Va-ter verschleppt wurde. Er und seine Familie wurden zur Emigration gezwungen, nachdem Adolf Sander im Konzentrationslager Buchenwald an seinen Verletzungen in Folge seiner Misshandlun-gen gestorben war.

Von Hamburg aus emigrierten Gustav, Adolf und Rachelle Sander am 2. April 1939 nach England. Anhand des Reisegepäcks, welches die Familie Sander mit nach England nehmen wollte, lässt sich vermuten, dass einer der Brüder in seiner Jugend Fußball gespielt hat, da in der Auflistung der mit-zunehmenden Gegenstände diverse Fußballutensilien aufgelistet waren.

Leben in Großbritannien
Das Leben in England muss sehr beschwerlich gewesen sein. Eine Freundin der Eltern berichtete, die Mutter habe sich anfangs sehr geplagt und im Haushalt gearbeitet, um sich und ihre Söhne durchzubringen.

Im Alter von 24 Jahren ließ sich Gustav in London einbürgern.
Er starb am 30. Oktober 1950 als britischer Soldat im Koreakrieg.

 

Adolf Sander

Lebensdaten und allgemeine Informationen
Adolf Sander ist der zweitgeborene Sohn von Rachelle und Paul Sander. Er wurde am 26. August 1928 in Braunschweig geboren. Zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder Gustav wohnte er am Steintorwall 7.

Verfolgung
In der Nacht zum 09. November 1938 stürmte ein Nazitrupp die Wohnung und zerstörte sämtliche Möbel. Der Vater wurde misshandelt und verhaftet. Adolf wurde zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder in das Hauptquartier der Braunschweiger Gestapo gebracht. Nach dem Tod des Va-ters emigrierte Adolf mit seiner Familie am 2. April 1939 nach England. Anhand des Reisegepäcks, welches die Familie Sander mit nach England nehmen wollte, lässt sich vermuten, dass einer der Brüder in seiner Jugend Fußball gespielt hat, da in der Auflistung der mitzunehmenden Gegenstände diverse Fußballutensilien aufgelistet waren.

Leben in Großbritannien
Am 24. Dezember wurde Adolf in Großbritannien naturalisiert. Dort war er als Zahnarzt tätig und hatte eine eigene Praxis in London. Im Jahre 1977 wohnte er in der Cyprus Road 37.

Im Sommer 1998 ist Adolf Sander gestorben und am 3. August wurde er in London beerdigt.

Laut Aussage von Hella Guhrauer, einer Freundin der Familie, hat Adolf aufgrund seiner schlimmen Erfahrungen als Kind nichts mehr von Deutschland wissen wollen.

Namens- und Adressgleichheit lassen vermuten, dass es ein Kind Adolf Sanders gibt,
A. Sander, Dentist, wohnhaft an der letzten Adresse Adolf Sanders.

Versuche, Kontakt aufzunehmen, waren bisher nicht erfolgreich.

Recherche:  Schüler und Schülerinnen des Gymnasium Ricarda‐Huch‐Schule  – 2014