Kiwaczynski, Helene

–  nach 1946 Helene Ott

Auguste Helene Kiwaczinski, wurde am 5.3.1901 in Schruben, Ostpreußen geboren als Tochter des Instmannes (eines Landarbeiters, der dauerhaft auf einem großen Gutshof lebte und arbeitete) Christoph und seiner Ehefrau Emilie Kartzat geboren. Beide gehörten der Evangelischen Kirche an.

Von 1907 – 1914 besuchte sie die Volksschule und war von 1914 – 1918 während der Zeit des Ersten Weltkriegs in der Landwirtschaft als Arbeiterin tätig.
1922 heiratete sie in Braunschweig August Kiwaczynski, geboren am 24.4.1893, Sie bekamen 5 Kinder und wohnten in der Wabestraße 4.
In der 1920er Jahren wurde sie durch die Überzeugungskraft ihrer Schwester Auguste Senff, die nicht mit Selma Senff verwandt war, eine aktive Bibelforscherin (ab 1931 Zeugin Jehovas). Sie und ihr Mann wurden von den Nationalsozialisten von Beginn an verfolgt.
Als Zeugin Jehovas kam sie vom 1.6. bis 27.6.1933 in Schutzhaft, da sie dem Ministerpräsidenten Klagges einen Brief schrieb, weil ihr Ehemann wegen sog. kommunistischer Umtriebe im Mai 1933 als Kommunist in der Haftanstalt, wie sie schreibt, „schwer geprügelt wurde“.
August Kiwaczynski starb im Jahr 1944 in Braunschweig.

Ab dem 22.11.1933 arbeitete sie nach der Verhaftung ihres Mannes in der Jute-und Flachsspinnerei im Eichtal als Fabrikarbeiterin. Sie verweigerte konsequent den Hitler- und Fahnengruß und wurde am 5.4.1935 nach einem Betriebsappell fristlos entlassen, weil sie das Singen des Horst-Wessel-Liedes verweigert und den Saal verlassen hatte. Man sagte ihr: „Wenn Sie die Fahne nicht grüßen, dann sind sie aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen.“

Ihr wurde das Arbeitsbuch abgenommen und sie durfte nur noch eine schlechter bezahlte Reinemachestelle beim Betriebsdirektor der Büssing-Werke Eugen Hubing in dessen Privatwohnung in der Wilhelm-Bode-Straße 3 annehmen.
Dieser geriet selbst während der NS-Zeit in Konflikt mit dem Regime und wurde im April 1942 vom Sondergericht Braunschweig  wegen Entziehung von Fleisch und Butter aus der Gemeinschaftsverpflegung zum eigenen Verbrauch zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde aufgehoben und in eine Haftstrafe umgewandelt. Aus dieser Haft wurde er von den Amerikanern befreit. Mit den Lebensmitteln hatte er mit Zustimmung der Werksleitung der Büssing AG nicht sich, sondern eine jüdische Familie versorgt, die er vor den Nationalsozialisten versteckt hielt und somit ihre Leben rettete.

Helene Kiwaczinski wurde mehrfach in sog. Schutzhaft genommen und insgesamt 22 Monate inhaftiert, in der Zeit von Dezember 1934 bis April 1938.
Dann überführte man sie vom 28.4.1938 bis zum 28.4. 1939 in das KZ Lichtenburg.  Zur gleichen Zeit war dort auch Selma Senff inhaftiert.

Nach der Haftverbüßung kam sie wieder nach Hause und trug für ihren Lebensunterhalt Zeitungen aus, da es keine staatliche Unterstützung im Sinne einer Wiedereingliederung oder Sozialhilfe gab.
Auch gingen ihre Kinder nach und nach aus dem Haus.

Anfang 1946 heiratete sie erneut, den geschiedenen Walter Ott.
In diesem Jahr wurde ihre gemeinsame Tochter Petra, verheiratete Bolms, geboren.

Im Jahr 1959 stimmte sie im Entschädigungsverfahren für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gemäß Bundesentschädigungsgesetz (BEG) vom 29.6.1956 einem Vergleich für Schaden im beruflichen Fortkommen zu. Ein späterer Antrag auf Entschädigung wegen Schadens an Körper oder Gesundheit gemäß der zweiten Fassung zur Änderung des BEG aus dem Jahr 1965 wurde als unbegründet abgewiesen.

Walter Ott starb in Braunschweig am 31. Oktober 1978 im Alter
von 74 Jahren.
Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie bis zum Jahr 1991 bei Helene Trabandt, einer alleinstehenden Zeugin Jehovas. Nach einem schweren gesundheitlichen Problem (Schlaganfall) holte sie ihre Tochter zu sich nach Wolfsburg.
Dort blieb Helene Ott, bis sie am 16. März 1995 im Alter von 94 Jahren verstarb.

RECHERCHE: 2025-2026  Reiner Lüdtke von den Zeugen Jehovas,