Walter Ott wurde am 9.11.1904 in Görschlitz, im Vogtlandkreis geboren.
Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Er erlernte den Beruf des Schmieds, war somit schwere Arbeit gewohnt.
Er heiratete im Sommer 1932 seine erste Ehefrau Anna, geborene Rieke. Gemeinsam hatten sie 4 Kinder.
Zum Zeitpunkt seiner ersten Verhaftung lebte er mit seiner Familie in der Güldenstraße 48. Walter Ott wurde 1934 zum ersten Mal als Zeuge Jehovas wegen des Verteilens von Flugblättern verhaftet und inhaftiert.
Der Braunschweiger Allgemeine Anzeiger von 29.12.1934 belegt, dass dies wegen der „Aufrechterhaltung und Fortsetzung einer verbotenen Organisation, Vergehen gegen die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28.02.1933, auch Reichstagsbrand-Verordnung genannt, in Verbindung mit der 6. Verordnung des Braunschweigischen Ministers des Inneren vom 19. Mai 1933″, geschah. Neben ihm wurden auch seine Ehefrau Anna, seine spätere zweite Ehefrau Helene Kiwaczinski, Selma Senff und weitere Zeuginnen Jehovas durch das Amtsgericht Braunschweig zu 1 bzw. 2 Monaten Gefängnis verurteilt.
Bevor er letztendlich ins KZ Buchenwald überstellt wurde, war er insgesamt viermal im Strafgefängnis Braunschweig inhaftiert zum, laut Urteilsbegründung, ‚Schutz von Volk und Staat‘. (von1934 bis Januar 1937)
Er hatte am 12. Dezember 1936 in Braunschweig Flugblätter verteilt, die ‚Luzerner Resolution‘, die Jehovas Zeugen im September 1936 auf ihrem mitteleuropäischen Kongress im schweizerischen Luzern verfasst und verabschiedet hatten.
Dieses historische Dokument gilt als eine der größten öffentlichen Protesthandlungen gegen die Grausamkeiten der Nationalsozialisten. In dem Text wurde die Unterdrückung, die Verbote, die Misshandlungen und die Inhaftierungen von Jehovas Zeugen in den Konzentrationslagern namentlich und detailliert angeprangert.
Adolf Hitler und der Papst in Rom erhielten eine Abschrift.
In dieser gut organisierten reichsweiten Blitzaktion wurden innerhalb weniger Stunden Hunderttausende von gedruckten Exemplaren in deutsche Briefkästen geworfen und auf Straßen verteilt – so auch in Braunschweig.
Die Aktion war ein Schock für die Nationalsozialisten und die Gestapo, da sie bewies, dass der Widerstand trotz totaler Überwachung gut organisiert war. Als Reaktion des Regimes erfolgte eine massive Verhaftungswelle. Walter Ott berichtete in einer Zeugenaussage am 12.3.1956 gegenüber dem Amtsgericht Braunschweig von seiner Inhaftierung und Misshandlung:
„Als ich 1936 wegen Verteilung der Flugblätter verhaftet war, bin ich von der Gestapo mißhandelt worden. Man wollte von mir erreichen, daß ich nähere Angaben über die Verteilung der Flugblätter machen sollte.“
Weitere Haftzeiten folgten von Dezember 1937 über das Strafende vom 11.5.1938 hinaus mit Schutzhaft bis zum 26.6.1938 im Strafgefängnis Braunschweig.
Am 27.6.1938 wurde er abends mit 17 weiteren Häftlingen, darunter einem weiteren Bibelforscher (Christian Berger) von der Staatspolizei (Stapo) Braunschweig bzw. Geheime Staatspolizei (Gestapo) in das KZ Buchenwald eingeliefert.
Dazu merkte Walter Ott in der eben erwähnten Zeugenaussage an:
„Ich bin dann später noch im Jahre 1938 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden und im KZ sehr schwer mißhandelt worden.“
Die Häftlings-Personal-Karte des KZ Buchenwald dokumentiert seine schwere Misshandlung. Er fiel während des sog. Baumhängens, bei dem er an den nach hinten gebundenen Händen aufgehängt wurde, mit dem Kopf zur Erde. Der Aufprall führte zur Deformierung seiner linken Gesichtshälfte. Sie blieb zeitlebens gelähmt, sein Mund und sein linkes Ohr blieben schief.
In seiner Buchenwald-Akte finden wir außerdem etwas nur auf den ersten Blick Widersprüchliches: Seine Ehefrau Anna wurde während seiner Inhaftierung nach Beiträgen zur Invaliden- bzw. Angestelltenversicherung befragt. Diese war die damalige Bezeichnung für die gesetzliche Rentenversicherung im Deutschen Reich, die für Arbeiter oder Angestellte zuständig war. Wenn ein deutscher Staatsbürger z.B. aus religiösen Gründen verhaftet und in ein Konzentrationslager (KZ) eingewiesen wurde, fiel er schlagartig aus dem normalen Arbeitsleben heraus.
Es wurden keine regulären Beiträge mehr gezahlt. Die Behörden prüften die bisherigen Rentenansprüche.
Es gab bürokratische Regelungen, damit diese durch die KZ-Haft nicht verfielen. Damit wurde die „Arbeitsfähigkeit“ und Versicherung zum Schein aufrechtzuerhalten.
In Walter Otts Fall wurde sein früherer Arbeitgeber, die Tiefbaufirma Karl Schaare aus Lehnstedt um die Unterlagen gebeten, da seine Frau keine beibringen konnte.
Das war kein wirklicher Akt der Fürsorge, denn der NS-Staat wollte die Häftlinge bis zum Äußersten ökonomisch auspressen und sicherstellen, dass diese im System lückenlos als „Arbeitskraft“ erfasst wurden. Den Verwandten wurde Normalität vorgetäuscht und signalisiert, dass alles nach Recht und Gesetz geschieht.
In der Nachkriegszeit waren genau diese Akteneinträge und Prüfungen extrem wichtig für Überlebende wie Walter Ott. Sie halfen im Zuge der Wiedergutmachung und Entschädigung, die KZ-Haftzeiten als Ersatzzeiten für die spätere Altersrente in der Bundesrepublik anerkennen zu lassen. Als Leiden wurden ihm vegetative Nervenstörungen, Gesichtslähmung und Rheuma der Rückenmuskulatur anerkannt.
Walter Ott verblieb im KZ Buchenwald bis 27.5.1945. Am 28. Mai 1945 kehrte er nach Braunschweig zurück. Die Ehe mit seiner Frau Anna überlebte diese schwere Zeit nicht. Im Dezember 1945 wurde die Ehe geschieden.
Anfang 1946 heiratete er Auguste Helene Kiwaczinski, geb. Kartzat, die Witwe des als Kommunisten verfolgten August Kiwaczynski, welcher an den Folgen der Misshandlungen im Jahr 1944 verstorben war.
In dem Jahr 1946 wurde die gemeinsame Tochter Petra, verheiratete Bolms, geboren.
Zeugen Jehovas in Braunschweig bauten ihre Gemeinde wieder von Null auf. Das Ehepaar Walter und Helene Ott gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Siebegannen wieder in der Stadt zu missionieren („zu predigen“) und hielten ihre ersten legalen Zusammenkünfte in der Gaststätte „Lindenhof“ in der Humboldtstraße ab. In nur fünf Jahren entwickelte sich die Gemeinschaft in Braunschweig bis 1950 von einer Handvoll Verfolgter, die sich im Verborgenen getroffen hatten, zu einer fest etablierten, dreistelligen Religionsgemeinschaft. Mittendrin Walter Ott, der für seine christliche Überzeugung wieder mutig seinen zerschundenen Kopf hinhielt.
Walter Ott starb in Braunschweig am 31. Oktober 1978 im Alter von 74 Jahren.
RECHERCHE: 2025-2026 Reiner Lüdtke von den Zeugen Jehovas,
Kiwaczynski, Helene – nach 1946 Helene Ott
Auguste Helene Kiwaczinski, wurde am 5.3.1901 in Schruben, Ostpreußen geboren als Tochter des Instmannes (eines Landarbeiters, der dauerhaft auf einem großen Gutshof lebte und arbeitete) Christoph und seiner Ehefrau Emilie Kartzat geboren. Beide gehörten der Evangelischen Kirche an.
Von 1907 – 1914 besuchte sie die Volksschule und war von 1914 – 1918 während der Zeit des Ersten Weltkriegs in der Landwirtschaft als Arbeiterin tätig.
1922 heiratete sie in Braunschweig August Kiwaczynski, geboren am 24.4.1893, Sie bekamen 5 Kinder und wohnten in der Wabestraße 4.
In der 1920er Jahren wurde sie durch die Überzeugungskraft ihrer Schwester Auguste Senff, die nicht mit Selma Senff verwandt war, eine aktive Bibelforscherin (ab 1931 Zeugin Jehovas). Sie und ihr Mann wurden von den Nationalsozialisten von Beginn an verfolgt.
Als Zeugin Jehovas kam sie vom 1.6. bis 27.6.1933 in Schutzhaft, da sie dem Ministerpräsidenten Klagges einen Brief schrieb, weil ihr Ehemann wegen sog. kommunistischer Umtriebe im Mai 1933 als Kommunist in der Haftanstalt, wie sie schreibt, „schwer geprügelt wurde“.
August Kiwaczynski starb im Jahr 1944 in Braunschweig.
Ab dem 22.11.1933 arbeitete sie nach der Verhaftung ihres Mannes in der Jute-und Flachsspinnerei im Eichtal als Fabrikarbeiterin. Sie verweigerte konsequent den Hitler- und Fahnengruß und wurde am 5.4.1935 nach einem Betriebsappell fristlos entlassen, weil sie das Singen des Horst-Wessel-Liedes verweigert und den Saal verlassen hatte. Man sagte ihr: „Wenn Sie die Fahne nicht grüßen, dann sind sie aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen.“
Ihr wurde das Arbeitsbuch abgenommen und sie durfte nur noch eine schlechter bezahlte Reinemachestelle beim Betriebsdirektor der Büssing-Werke Eugen Hubing in dessen Privatwohnung in der Wilhelm-Bode-Straße 3 annehmen.
Dieser geriet selbst während der NS-Zeit in Konflikt mit dem Regime und wurde im April 1942 vom Sondergericht Braunschweig wegen Entziehung von Fleisch und Butter aus der Gemeinschaftsverpflegung zum eigenen Verbrauch zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde aufgehoben und in eine Haftstrafe umgewandelt. Aus dieser Haft wurde er von den Amerikanern befreit. Mit den Lebensmitteln hatte er mit Zustimmung der Werksleitung der Büssing AG nicht sich, sondern eine jüdische Familie versorgt, die er vor den Nationalsozialisten versteckt hielt und somit ihre Leben rettete.
Helene Kiwaczinski wurde mehrfach in sog. Schutzhaft genommen und insgesamt 22 Monate inhaftiert, in der Zeit von Dezember 1934 bis April 1938.
Dann überführte man sie vom 28.4.1938 bis zum 28.4. 1939 in das KZ Lichtenburg. Zur gleichen Zeit war dort auch Selma Senff inhaftiert.
Nach der Haftverbüßung kam sie wieder nach Hause und trug für ihren Lebensunterhalt Zeitungen aus, da es keine staatliche Unterstützung im Sinne einer Wiedereingliederung oder Sozialhilfe gab.
Auch gingen ihre Kinder nach und nach aus dem Haus.
Anfang 1946 heiratete sie erneut, den geschiedenen Walter Ott.
In diesem Jahr wurde ihre gemeinsame Tochter Petra, verheiratete Bolms, geboren.
Im Jahr 1959 stimmte sie im Entschädigungsverfahren für Opfer der nationalsozia-listischen Verfolgung gemäß Bundesentschädigungsgesetz (BEG) vom 29.6.1956 einem Vergleich für Schaden im beruflichen Fortkommen zu. Ein späterer Antrag auf Entschädigung wegen Schadens an Körper oder Gesundheit gemäß der zweiten Fassung zur Änderung des BEG aus dem Jahr 1965 wurde als unbegründet abgewiesen.
Walter Ott starb in Braunschweig am 31. Oktober 1978 im Alter
von 74 Jahren.
Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie bis zum Jahr 1991 bei Helene Trabandt, einer alleinstehenden Zeugin Jehovas. Nach einem schweren gesundheitlichen Problem (Schlaganfall) holte sie ihre Tochter zu sich nach Wolfsburg.
Dort blieb Helene Ott, bis sie am 16. März 1995 im Alter von 94 Jahren verstarb.
RECHERCHE: 2025-2026 Reiner Lüdtke von den Zeugen Jehovas,
