Familie Rosenstock

Nathan Rosenstock
wird am 18.12.1900 in Sadzawka/Galizien geboren. Auf Grund der politischen Gegebenheiten ist davon auszugehen, dass Nathan die polnische Staatsangehörigkeit hatte.
Im  Mai 1938 stirbt er an den Folgen der Zwangsarbeit in Braunschweig. Auf dem jüdischen Friedhof in der Helmstedter Straße findet sich sein Grabstein, für > Leo Rosenstock.

Nathan gehört dem jüdischen Glauben an und zieht 1925 von Kolomea nach Braunschweig. Er bezieht seine erste Wohnung in Braunschweig in der Bürgerstraße 19. Innerhalb von 9 Jahren zieht er jährlich mehrmals um und lebt so in 17 Wohnungen. Auffällig dabei ist, dass er vier Mal in der Rebenstraße 3b wohnt. Seine letzte Wohnung bezieht er im Jahr 1934 in der Reichsstraße 29.

Von 1927 bis 1929 ist er auf Reisen.
(Dies geht aus seiner Meldekartei hervor, die im Stadtarchiv Braunschweig einzusehen ist. )

Der gelernte Maler Nathan Rosenstock gründet am 20.01.1930 eine Textilfirma in der Fallersleber Straße 20 in Braunschweig. Aus der Gewerbeanmeldung geht hervor, dass er ein Kapital von 2000 Reichsmark hat und für das Ladengeschäft eine Jahresmiete von 300 Reichsmark entrichten muss.
(Quelle: Gewerbeanmeldung von Nathan Rosenstock, Stadtarchiv Braunschweig)
Doch seine Selbstständigkeit ist nur von kurzer Dauer. Das Geschäft existiert wohl nur bis zum Mai desselben Jahres. Ein wichtiger Grund ist sicherlich darin zu sehen, dass die Weltwirtschaftkrise zu einer Massenarbeitslosigkeit führt und viele Betriebe bankrottgehen.

Nathan beantragt daraufhin einen Wandergewerbeschein, den er benötigt, um im Umherziehen Waren anbieten zu können. Dieser wird ihm aber nicht genehmigt. Nathans Schreiben macht deutlich, wie schlecht es um die wirtschaftliche Lage der Familie bestellt ist:
„Ich bin verheiratet, habe ein Kind und [bin] seit Mai dieses Jahres ohne jegliche Beschäftigung. Ich besitze keine Mittel, um ein stehendes Gewerbe halten zu können und bin auf Ausübung des Wandergewerbe-Berufes angewiesen.“
(Schreiben von Nathan Rosenstock an den Braunschweigischen Minister des Inneren vom 30.08.1930, Staatsarchiv Wolfenbüttel)  Im nächsten Jahr (1931) erhält Nathan Rosenstock einen Wandergewerbeschein. Der Schein ist nur für ein Jahr in dem jeweiligen Gebiet gültig. Seine Einkünfte müssen sehr dürftig sein, denn er kann die fällige Gewerbeabgabe von 3 RM für 1930 nicht zahlen. Die Stadtkasse zieht diesen Betrag nicht ein, da Nathan Rosenstock als „Provisionsreisender nur einen sehr geringen Verdienst“ hat. (Quelle: Stadthauptkasse, Stadtarchiv Braunschweig)
Im darauf folgenden Jahr wird ihm der Antrag auf den Wandergewerbeschein verwehrt.

Maria Helene Rosenstock, geb.Horn wird am 23.7.1910 in Zeitz geboren.
Sie ist Christin. Ihr Vater ist der Maurer Hermann Max Horn.  Maria Helene Horn besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit.
Wir nehmen an, dass sie sich 1927  in  Zeitz oder Leipzig kennenlernen.
Im Alter von 18 Jahren bekommt sie ihren Sohn Sigo. Sie heiratet Nathan Rosenstock anderthalb Jahre nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes am 18.02.1930 in Leipzig.  Ein Jahr später, am 21.01.1931, bringt sie ihre Tochter Charlotte in Braunschweig zur Welt.
Sie tritt wohl anlässlich ihrer Eheschließung zum Judentum über, da eine Trauung in der Synagoge nur möglich ist, wenn beide Ehepartner dem jüdischen Glauben angehören.
Beide Kinder gehören dem jüdischen Glauben an.
Sie rettet das Leben ihrer beiden Kinder, indem sie sie mit dem Kindertransport im Januar 1939 nach England schickt.

Nachdem ihr Mann Nathan im Mai 1938 gestorben ist, heiratet sie am 04.03.1939 noch einmal.
Ihr zweiter Mann heißt Karl Teitge, er stammt aus Brechtorf. Sie heißt von nun an Maria Helene Teitge.

Sie berichtet:
„Nach dem Tode meines jüdischen Mannes, der 1938 an den Folgen von Zwangsarbeit gestorben war, heiratete ich wieder, behielt aber die jüdische Religion. (…) Zwar war ich die lebensgefährliche Kennkarte los, nicht aber die Verfolgung. Denn in den Behörden wurde ich als jüdisch Versippte geführt.“ (Juden in Braunschweig 1900 – 1945, hrsg. v. R. Bein, S. 237)

Maria Helene und ihr Mann Karl Teitge bekommen eine Tochter. Ihr Mann geht an die Front; er fällt während des 2. Weltkriegs. „Als die Bomben fielen, wurden Mütter mit kleinen Kindern evakuiert. Weil ich mit einem Juden verheiratet war, kam ich nicht weg.“ (Juden in Braunschweig 1900 – 1945, hrsg. v. R. Bein, S. 237) Maria Helene Teitge möchte mit ihrer Tochter nach Blankenburg im Harz umsiedeln, weil sie hofft, dort vor den Bombenangriffen sicher zu sein. Da sie jedoch als „jüdisch versippt“ gilt, wie sie selbst sagt, muss sie sich selbst helfen. Sie zieht eigenständig mit ihrer Tochter nach Blankenburg.

Sie überlebt, ihre Tochter stirbt.
Die Tochter von Maria Helene,  aus der 3. Ehe, berichtet:
dass ihre  Mutter  1958 wieder nach Braunschweig gezogen ist. Sie sei versöhnlich gewesen. Nicht alle Deutschen seien Nazis gewesen. Es hätte zur Zeit des Nationalsozialismus Deutsche gegeben, die ihnen geholfen hätten.
Maria Helene nimmt an dem Leben in der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig teil.

Rückblickend berichtet sie:  Am 29.04.1933 kommt es zu einem Vorfall.
Uniformierte Nationalsozialisten marschieren durch die Innenstadt zum Landtagsgebäude, um das erste deutsche Nazi-Parlament zu feiern. Maria Helene und Nathan Rosenstock werden von den Nazis angeschrien, warum sie den Hitlergruß nicht ausüben.
„Plötzlich trat einer aus der Reihe der Marschierenden auf uns zu und schrie meinen Mann an: ‚Du Lausehund, kannst du nicht grüßen?’ und schlug ihm mit einem langen Stulpenhandschuh mitten ins Gesicht.“ (Juden in Braunschweig 1900 – 1945, hrsg. v. R. Bein, S. 89)

Am Nachmittag des nächsten Tages klingeln Angehörige der politischen Polizei an der Tür von Familie Rosenstock, die Nathan verhaften wollen. Nathan soll kommunistische Flugblätter verteilt haben; Helene versucht, den Irrtum aufzuklären. Seit dem 01.04.1933 dürfen Juden keine Inserate mehr in der Zeitung schalten. Deshalb verteilt ihr Ehemann zusammen mit seinem Cousin in der Stadt Flugblätter. Da sie rot sind, halten die Nazis sie für kommunistische Propaganda. Nathan wird von den Nazis verhaftet, jedoch nach wenigen Stunden wieder freigelassen, da die Beschuldigungen falsch sind. Doch Nachbarn, so berichtet Helene, „spuckten mich an und riefen ‚Judenschwein’ oder ‚Judenhure’.“ . (Juden in Braunschweig 1900 – 1945, hrsg. v. R. Bein, S. 89)

Später tauscht ihr Ehemann nach Aussage von Maria Helene Rosenstock mit seinem Cousin seinen Pass, damit dieser in die USA emigrieren kann, weil dieser kein gültiges Ausweispapier besitzt. Ihr Ehemann heiße nicht Nathan, sondern sei Leo Rosenstock. Wann sich dies jedoch ereignet, ist unklar.

(Bei R. Bein ist zu lesen: „In Verkennung der Gefahr, in die er sich begab, überließ er seinem Cousin Nathan Rosenstock, der keinen gültigen Pass besaß, seinen Pass, damit dieser emigrieren konnte. Das wurde 1934 von der Gestapo entdeckt. Leo musste sein Geschäft schließen und Zwangsarbeit beim Bau des Flughafens Waggum leisten.“)
„Sie lebten in Braunschweig“, R. Bein, S. 549

Nathan Rosenstock stirbt am 20.05.1938 an den Folgen der Verletzungen, die er im Arbeitslager erleidet.
Auf dem jüdischen Friedhof in der Helmstedter Straße findet sich der Grabstein für Leo Rosenstock.

 

Sigo Rosenstock

Sigo Rosenstock wird am 29.07.1928 in Zeitz, der Geburtsstadt seiner Mutter, geboren; er gehört dem jüdischen Glauben an. Sigo geht in die Volksschule Okerstraße.
1933 nimmt die Diskriminierung der Juden zu.   Die Mutter berichtet: „…meine beiden Kinder hatten immer wieder unter den Nachbarskindern zu leiden. Dem Jungen haben sie einmal ein Bein gestellt, ihn zu Boden geworfen und in den Magen getreten.“
(Juden in Braunschweig 1900 -1945, hrsg. v. R. Bein, S. 89)
Seine Mutter bringt zunächst ihn, später beide Kinder immer zur Schule und holt sie von dort auch wieder ab, weil sie Angst hat, dass ihren Kindern etwas zustoßen könne.

Im Jahr 1939 werden Sigo und Charlotte mit einem Kindertransport „Refugee Children Movement“ nach England gebracht. Sigo ist 11 Jahre alt.

 

Charlotte Rosenstock

Charlotte wird am 21.01.1931 in Braunschweig geboren und gehört ebenfalls dem jüdischen Glauben an. Sie besucht seit Ostern 1937 die Volksschule Maschstraße in Braunschweig. die an derselben Stelle steht wie unsere Realschule heute. Sie geht in die 8b, dies entspricht heutzutage der ersten Klasse. 1937 wird in Braunschweig „Hinter der Masch“ – nur wenige Gehminuten von unserer Schule entfernt – eine sogenannte Judenklasse eingerichtet.
Auch Charlotte wird von den Nachbarskindern geärgert und zum Beispiel an den Haaren gezogen wird. Seit dem 1.10.1937, also ein halbes Jahr nach ihrer Einschulung, muss sie die sogenannte Judenklasse besuchen, weil keine Juden mehr in den Schulen geduldet werden.

Mit ihren Eltern und ihrem Bruder Sigo lebt sie bis zum Jahr 1939 in der Reichsstraße. Dann wird sie mit dem Kindertransport „Refugee Children Movement“ nach England gebracht. Zu dem Zeitpunkt ist sie 7 Jahre alt.

Sigo und Charlotte

Nach Aussage der Tochter von Maria Helene (aus 3. Ehe), wollten Sigo und Charlotte mit Deutschland und den Deutschen nichts mehr zu tun haben. Sie haben beide die englische Staatsangehörigkeit angenommen. Die Erlebnisse in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus und das Weggerissen werden von der Mutter hätten bei den Geschwistern tiefe Verletzungen zurückgelassen. Die Kinder konnten nicht verwinden, dass sie getrennt von der Mutter aufwuchsen, obwohl sie als Erwachsene verstanden, dass die Mutter sie retten wollte, indem sie sie mit dem Kindertransport nach England geschickt hat.

Ein weiteres Problem ist darin zu sehen, dass Sigo und Charlotte  in dem Dorf Charlesworth (Glossop) in der Nähe von Manchester in einem jüdischen Waisenhaus untergebracht werden. Ein Waisenhaus kann eine nette Pflegefamilie nicht ersetzen.
Später heiratet Sigo und bekommt mit seiner Frau ein Kind. Er arbeitet in dem Postoffice Holyhead in Wales. Sigo stirbt noch vor seiner Mutter.
Das genaue Datum ist uns nicht bekannt.

Charlottes bleibt immer in Manchester wohnen. Sie arbeitet und heiratet dort und bekommt mit ihrem Mann zwei Kinder. Charlotte ist 1996 nach dem Tod der Mutter das letzte Mal in Deutschland. Uns ist bekannt, dass Charlotte 1998 gestorben ist.

Charlotte besucht die Mutter, die seit 1958 wieder in Braunschweig lebt. Sigo, der sehr introvertiert ist, habe kein Wort deutsch mehr gesprochen, auch nicht mit seiner Mutter.
Charlotte hätte noch mitbekommen, dass Gunter Demnig das Stolperstein-Projekt ins Leben gerufen habe. Sie habe dieses Projekt explizit abgelehnt. „Zur Zeit des Nationalsozialismus hätte man auf die Juden gespuckt, nun könne man auf die Stolpersteine spucken.“
Deshalb möchte die in 3. Ehe geborene Tochter  nicht, dass für ihre Halbschwester Stolpersteine verlegt werden. Ihr Bruder, der die Steine nicht kannte, hätte ihrer Meinung nach ähnlich gedacht, wenn er davon erfahren hätte. Auch für ihn soll kein Stein verlegt werden.
(Dieser Text ist eine Zusammenfassung dessen, was SchülerInnen und Lehrerin umfangreich herausgefunden und zusammengefügt haben. Der Orginaltext befindet sich im Archiv der Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße, Braunschweig)

Recherche: Schülerinnen und Schüler der Realschule Maschstraße, Braunschweig,
mit ihrer begleitenden Lehrerin Frau Ahlers-Görlach, 2016 -2017